18. Februar 2009
CfP in English and German
Hier können Sie sich den CfP für die Sektionsveranstaltung “European Childhood - Childhoods in Europe” herunterladen:
You may download the CfP for the conference “European Childhood - Childhoods in Europe” here:
10. Februar 2009
CFP Jahrestagung der Sektion 2009
European Childhood – Childhoods in Europe
Internationale Konferenz und Jahrestagung der Sektion „Soziologie der Kindheit“
in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
9. – 10. Oktober 2009
München, Deutsches Jugendinstitut
CALL FOR PAPERS
- Please find the Call in English here -
Das Muster moderner Kindheit – mit seinen zentralen strukturgebenden Parametern der Familialisierung, Scholarisierung, der Freistellung von Erwerbsarbeit und des Schutzes – ist keinesfalls ein national begrenztes Phänomen. Vielmehr ist es – wenn auch in unterschiedlichen Ausformungen – Grundbedingung einer modernen Sozialstruktur, Voraussetzung moderner Ökonomien sowie Kern von Kulturen, die „gute“ Bedingungen des Aufwachsens wertschätzen und damit Kindheit als Wert an sich hervorgebracht haben. Zugleich lässt sich dieses Muster in einer großen Zahl von Nationalstaaten in unterschiedlichem Maße empirisch nachweisen, und das nicht allein in Europa, sondern weltweit. Als drittes ist dieses Muster im weitesten Sinne normative Bezugsfolie für alle Gesellschaften, sowohl für nationalstaatliche als auch internationale Politiken und Programme. Damit ist keinesfalls unterstellt, dass sich beobachtbare Kindheiten weltweit gleichen. Manfred Liebel (2005) hat die große kulturelle Differenz von Kindheiten in Westeuropa und Lateinamerika exemplarisch anhand des Phänomens der Kinderarbeit herausgearbeitet. Und dennoch, Kindheit in Lateinamerika konstituiert sich trotz ihrer Andersartigkeit nicht in Abwesenheit westlicher Kindheitsvorstellungen. Nicht erst seit der Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention vor 20 Jahren, aber seitdem verstärkt, verdichtet sich durch eine Vielzahl von internationalen Konventionen, Abkommen, Förderprogrammen und vergleichenden Studien (bspw. OECD; UNICEF; WHO; internationale Kindersozialberichterstattung) die normierte Sorge um die Lebens- und Förderbedingungen von Kindern. Nationale Politiken können diese internationale, an westlichen Normen orientierte Entwicklung nicht ungestraft vollständig umgehen. Vor allem in der Europäischen Union – im Sinne einer supranationalen Institution – scheinen solche Vergleiche auf erhebliche Resonanz zu stoßen. Es stellt sich die Frage, ob die normative Bezugsfolie, von der aus Kindheit normiert, strukturiert und reguliert wird, einheitlicher wird und ob sich damit eine bestimmte Kindheitssemantik weltweit durchsetzt.
In der Europäischen Union waren Kindheiten bisher weder in den Staaten selbst noch im Vergleich zwischen ihnen homogen, wenngleich das Muster moderner Kindheit als Differenzkonstrukt und als faktischer Handlungsrahmen (Schulpflicht, Verbot der Kinderarbeit; Volljährigkeit) überall durchgesetzt ist. So kann bspw. das Verbot der Kinderarbeit als EU-weit realisiert bezeichnet werden; beobachtbare Kinderarbeit hat keineswegs den existenzsichernden Stellenwert wie bspw. in einzelnen Staaten Lateinamerikas.
Unterschiede bestanden und bestehen hingegen vor allem in der Ausformung der Familialisierung: Während in allen Staaten der Europäischen Union die Familie der Ort der letztendlichen rechtlichen und moralischen Verantwortung, der Privatheit und Intimität gilt, ist die konkrete Ausgestaltung der Betreuung von Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter ausgesprochen unterschiedlich. Die Vorstellungen des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern, die Legitimität von staatlichen Eingriffen in das Elternrecht, die Vorstellungen von einer guten Kindheit und die Betreuungs- und Pflegearrangements unterscheiden sich erheblich.
Ähnliches lässt sich zweitens in Bezug auf die Scholarisierung der Kindheit, also die Umsetzung der Schulpflicht, die Organisation des Wissenserwerbs und der Wissensvermittlung, feststellen. Auch hier bestehen große Unterschiede, die in einem hohen Maß mit der Ausformung nationaler Muster der Familialisierung verwoben sind.
Das Zusammenwachsen und vor allem auch die Ausweitung der Europäischen Union, die Öffnung von Arbeitsmärkten und die damit einhergehenden Lohndifferenzen, die ökonomischen Krisen und die gleichzeitigen Krisen traditioneller wohlfahrtsstaatlicher Modelle haben diese Differenz zwischen europäischen Kindheiten sowohl auf nationaler wie auch auf EU-Ebene zum Gegenstand von Diskussionen und vergleichender Beobachtung und letztendlich Kindheit zu einem Krisenphänomen werden lassen: zu viele arme Kinder, zu große gesundheitliche Risiken, zu wenig gut ausgebildete junge Menschen, zu riskante Übergänge ins Erwerbsleben, zu viele erwerbslose Mütter, die eine zu enge, gar falsche Bildung der Kinder verfolgen. Zunehmend mehr Aufmerksamkeit wird der Beobachtung und Analyse der unterschiedlichen Bedingungen und Formen der Betreuung, Bildung, Versorgung, Gesundheit und des Schutzes geschenkt. Verstärkt wird Zeit und Geld in die Entwicklung empirisch vergleichender Instrumente investiert und eine Vielzahl von Vergleichsstudien ist in den letzten Jahren erstellt worden. Damit geht gleichzeitig die sensiblere Wahrnehmung von Differenzen und unter Umständen auch die schärfere Formulierung von Differenzphänomenen als Problem einher. Eine der Antworten auf solche Definitionsprozesse kann in der auf der Ebene des Europarlaments und in einer ganzen Reihe von Staaten verfolgten „Child centred social investment stratgegy“ gesehen werden, die z.B. durch das Programm „Starting strong“ (OECD) verkörpert wird. Auch der Bologna Prozess, der Vertrag von Lissabon, die Barcelona Ziele antworten auf die Wahrnehmung von Differenz als Problem.
Historische Studien (Göran Therborn) zeigen, dass sich auf dem Gebiete der heutigen Europäischen Union nationale Programme für die nachwachsende Generation sowie und Rechtsentwicklungen nie unter vollständigem Ausschluss internationaler, europäischer Diskurse und Entwicklungen vollzogen haben. Neu an der aufgezeigten Entwicklung sind allerdings die rechtlich verbindlichen Regeln, die auf der Ebene der Europäischen Union getroffen wurden (z.B. Anhebung des Mindestalters für Erwerbsarbeit), sowie die Angleichung der Ausgangsregeln für nationale Entscheidungen (bspw. Bologna Prozess, Selbstverpflichtung der Länder zum Ausbau der Krippenplätze etc.).
Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen geht die Tagung der Frage nach, inwieweit EU-Politiken – also gesetzliche Regelungen wie Programme auf der einen Seite, sowie europaweite Diskurse und Vergleichsstudien, die wichtige Bezugspunkte der Politiken sind, auf der anderen Seite – dazu beitragen, nationale Kindheiten anzugleichen. Inwieweit sind nationale Kindheiten Angleichungsprozessen unterworfen, wenn bspw. biographische Übergänge lebenszeitlich international homogenisiert, institutionelle Betreuungs- und Bildungsarrangements konzeptionell ähnlich ausgerichtet, Bildungsunterschiede nicht nur zum individuellen, sondern zum nationalen Problem avanciert werden. Oder aber bleibt umgekehrt durch die spezifische nationalstaatliche Umsetzung in Politiken nach wie vor die Spezifik kultureller Kindheitsmuster erhalten? Bleiben also die Eigensinnigkeiten nationaler Kindheitsmuster trotz aller Entdifferenzierungsmaßnahmen und -bestrebungen, trotz gemeinsamer Programme, Selbstverpflichtungen, Verordnungen bestehen? Im Fokus der Tagung sollen insgesamt nicht allein die derzeit am häufigsten verhandelten Themen der frühkindlichen Bildung und Erziehung oder aber der schulischen Bildung stehen, sondern vielmehr der breite Rahmen kindbezogener Politiken, Programme und Diskurse (Kinderschutz, Kinder- und Jugendhilfe, Delinquenz, materielle Versorgung und Lebensbedingungen, Rechte und Partizipation).
Erwünscht sind Vorträge in folgenden Bereichen:
1. Kindheiten in Europa – Europäische Kindheiten: Welchen Einfluss haben Entscheidungen auf EU-Ebene auf die Lebensbedingungen von Kindern in den Ländern der EU? Sind Veränderungen von nationalen Kindheitsmustern beobachtbar, die auf eine Angleichung der Lebensbedingungen und Lebenswelten von Kindern in Europa schließen lassen? Können diese auf Regulierungen im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses zurückgeführt werden? (Etwa mit Blick auf Partizipation von Kindern in unterschiedlichen Handlungssphären wie etwa organisierte Bildung, Kunst, Wirtschaft/Konsum, Medien, (politische) Mitbestimmung etc.)
2. Kindheitspolitik in Europa – Europäische Kindheitspolitik: Welche für alle Mitgliedstaaten verbindlichen Regelungen haben sich in den letzten Jahren herauskristallisiert? Welchen Stellenwert, welche Reichweite hat Kinder- und Jugendpolitik im Rahmen der Europapolitik gewonnen? Auf welche Art und Weise und mit welcher Konsequenz setzten nationale Politiken kindbezogene Regulierungen und Entscheidungen der Europäischen Union um? Und umgekehrt: Wie fließen nationale Politiken in europäische Entscheidungen ein?
3. Kindheitssemantiken [-diskurse] in Europa – Europäische Kindheitssemantik: Welche Diskurse und Semantiken haben sich in den letzten Jahren sowohl auf europäischer wie auch auf nationaler Ebene in Bezug auf eine „gute Kindheit“ in der Europäischen Union herausgebildet? Wie wird gute Kindheit normativ gefasst, wie werden Bildungschancen, Schichtunterschiede, Partizipation, Kinderrechte, Gesundheit, Familie diskutiert und bewertet? Wie werden kulturelle Unterschiede in Bezug auf Kindheit und Familie gedeutet? Jedes Themengebiet kann sowohl aus einer historischen Perspektive bearbeitet werden wie auch als systematischer Vergleich oder Analyse aktueller Politiken angelegt sein.
Arbeitssprache: Englisch
Interessenten und Interessentinnen senden bitte ein Abstract postalisch oder per E-Mail bis zum 13.3.2009 an Dr. Johanna Mierendorff (Universität Trier, FB 1, 54286 Trier, mierendo@.uni-trier.de).
Weitere Details zur Konferenz sind in Kürze abrufbar unter: http://www.kindheitssoziologie.org/
Diese Veranstaltung wurde vom Sektionsvorstand in Zusammenarbeit mit Nicole Klinkhammer (DJI, München), Renate Kränzl-Nagl (Fachhochschule OÖ., Fakultät für Gesundheit und Soziales, Linz), Beatrice Hungerland (Fachhochschule Magdeburg-Stendhal) und Miriam Tag (Universität Bielefeld) konzipiert. Der Vorstand dankt dem Deutschen Jugendinstitut für die Unterstützung der Tagung.