19. Februar 2010
Call For Papers : Gemeinsames Plenum der Sektionen “Soziologie der Kindheit” und “Bildungssoziologie” auf dem 35. Kongress der DGS in Frankfurt/Main
35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
„Transnationale Vergesellschaftungen“ – Call for Papers
Plenum: Bildung und Aufwachsen zwischen internationalen Standards und lokalen
Konstellationen
Sektionen „Bildung und Erziehung“ und „Soziologie der Kindheit“
Die Schule und die Universität sind zentrale Institutionen der modernen Gesellschaft, und beide Institutionen sind inzwischen weltweit verbreitet. Indem sie bestimmte – explizite wie implizite – Standards für das setzen, was als Bildung, als Wissen, als legitimer Zugang zur Auseinandersetzung mit der Welt gilt, transportieren sowohl die Schule als auch die Universität ein doppeltes Versprechen: das Versprechen der Integration des Individuums in die – zunächst national gedachte – Gesellschaft, aber auch das Versprechen der Differenz und der Distinktion. Die in die moderne Gesellschaft eingelassenen Achsen der Ungleichheit und der Herrschaft sind gewissermaßen „angedockt“ an die mit dem Besuch von Schulen und Universitäten verbundenen Differenzierungsmöglichkeiten nach dem Wert der Bildungszertifikate auf dem Arbeitsmarkt, der Exklusivität der Institution und der gesellschaftlichen Anerkennung des jeweils zu erwerbenden „Wissens“. Auch wenn man annehmen kann, dass mit den Institutionen der Schule und der Universität
schon seit langem universalistische Konzepte von Bildung und Wissen, von Individualität und gesellschaftlicher Teilhabe ebenso wie gesellschaftlicher Teilung Geltung erhielten, so ist doch im letzten Jahrzehnt eine verstärkte Entwicklung zur Durchsetzung explizit als solcher definierter internationaler Standards der Bildung und des Aufwachsens zu konstatieren. Dabei geht es nicht nur um das Bildungswesen im engeren Sinn, sondern umfassender auch um die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen, die mehr und mehr unter dem Gesichtspunkt der „sozialen Investition“ eines Landes in seine Zukunft gesehen werden. Diese Entwicklung geht einher mit dem raschen Anwachsen von Messungen und Reports, dem Schaffen eines neuen Wissenskorpus mit teilweise eigener Terminologie, eigenen Sets von Indikatoren und eigenen Weisen der Aufbereitung des Wissens in Rangtabellen von Errungenschaften und Defiziten (League Tables oder Report Cards) – für Nationen oder auch für Bundesländer. Auch Messungen zur Lebensqualität von Kindern/Jugendlichen erfassen vielfach Indikatoren, die letztlich als Voraussetzungen von Bildungschancen und -erfolg gelten können. Die öffentliche Beachtung dieser Messergebnisse verstärkt den Druck auf die nationalen Regierungen, den publizierten Ergebnissen dieser Ranglisten und Messungen irgendwie Rechnung zu tragen. Damit werden auch die in diese Prozesse eingelagerten normativen Vorstellungen von staatlichem, evtl. sozialpolitischem Handeln und von Bildung als einem öffentlichen bzw. auf Märkten zu erwerbenden Gut über die Staaten und die dort geregelten demokratischen Entscheidungsprozesse hinweg zu Richtlinien des politischen Handelns. Betrachtet man das reale Geschehen in den Institutionen der Bildung – von der Früherziehung bis zur Hochschule -, so ist festzustellen, dass die Realisierung von transnationalen Bildungskonzepten eine recht komplexe Angelegenheit ist. Die vorgeblich internationalen Standards und Vorgaben verbinden sich offensichtlich in der Regel mit lokalen Elementen zu etwas ganz Eigenem – wobei dennoch universalistische Prinzipien zur Geltung kommen können, wenn auch eher implizit und erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Wie dies zustande kommt, wie das Spannungsverhältnis von Globalität und Lokalität die Institutionen der Bildung und des Aufwachsens transformiert, wäre genauer zu untersuchen, ebenso wie zu klären wäre, welches eigentlich die universalistischen Elemente moderner Bildungs- und Sozialisationskonzepte und –institutionen tatsächlich sind. Dabei ergibt sich eine ganze Reihe von Fragen, von denen hier nur einige exemplarisch angeführt werden sollen:
- Wer sind eigentlich die Akteure in diesen Prozessen der Erarbeitung und Durchsetzung internationaler Bildungskonzepte und Bildungsstandards? Wie sind die Institutionalisierungsprozesse zu beschreiben? Kann man Prozesse der Globalisierung von Bildungskonzepten danach unterscheiden, ob sie „von oben“, von internationalern Instanzen, oder „von unten“ z.B. durch Migranten, in Gang gesetzt werden?
- Welche neuen Standards von Aufwachsen und Bildungserwerb kristallisieren sich im Zusammenwirken welcher Akteure (national, international, regional, lokal) heraus? Sind die neuen Standards dann eher globale oder doch eher nationale/lokale?
- Zu fragen wäre auch nach den sozialen Bedingungen des Aufwachsens und nach den Sozialisationsvorstellungen und –praktiken, die sich im Zusammenspiel (oder Gegeneinander) von kulturellen Partikularitäten und globalen Vorgaben entwickeln.
- Was bedeutet die Durchsetzung globaler Bildungsstandards in einem spezifischen nationalen Kontext für die Realisierung von citizenship und demokratischer Teilhabe?
- Verändern sich durch verstärkte Internationalisierung von Bildungs und Sozialisationskonzepten und möglicherweise auch von entsprechenden Institutionen die Modalitäten der Formierung von Eliten und herrschenden Klassen? Bilden sich evtl. transnationale herrschende Klassen heraus? Und was bedeutet die Internationalisierung von Bildungskonzepten und Vorgaben für gute Kindheiten für Bevölkerungsgruppen, die nach diesen Standards von Bildungsarmut betroffen sind resp. nach den neuen internationalen Maßstäben und Messungen nsgesamt schlechte Bedingungen des Aufwachsens anbieten?
Erwünscht sind sowohl Beiträge, die sich mit der hier aufgeworfenen Problematik theoretisch auseinander setzen, als auch solche, die dazu empirische Ergebnisse beisteuern können. Wünschenswert wären auch Beiträge, die das Thema bzw. spezifische Fragestellungen in einer historischen Perspektive diskutieren oder im Ländervergleich untersuchen.
Juroren/-in
Prof. emerit. Dr. Dr. h. c. mult. Helmut Fend ; Neuhauserstr. 6, 78484 Konstanz,
Helmut.Fend@t-online.de
Prof. Dr. Heiner Meulemann, Universität zu Köln, Forschungsinstitut für Soziologie (FIS),
Greinstr. 2, 50939 Köln, meulemann@wiso.uni-koeln.de
Kontakte:
Sektion „Soziologie der Kindheit“
Prof. Dr. Doris Bühler-Niederberger
Universität Wuppertal
Fachbereich G „Bildungs- und Sozialwissenschaften“
Gaußstraße 20
42097 Wuppertal
buehler@uni-wuppertal.de
Sektion „Bildungssoziologie“
Prof. Dr. Beate Krais
Technische Universität Darmstadt
Institut für Soziologie
Residenzschloß
64283 Darmstadt
krais@ifs.tu-darmstadt.de
Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach
Universität Potsdam
Humanwissenschaftliche Fakultät
Karl-Liebknecht Strasse 24,25
14476 Potsdam, Golm
Wolfgang.Lauterbach@uni-potsdam.de
Дамс в большинстве случаев оно так и есть!…
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